RNA + Gesellschaft

«Heiliger Strohsack, das wird krass!»

Die Amerikanerin Jennifer Doudna hat die Crispr-Methode mitentwickelt, ein
gentechnisches Verfahren, das ihr Albträume beschert und den Nobelpreis
einbringen wird.

Von Hanna Wick

Jennifer Doudna, bis vor einigen Jahren konnten Sie unbehelligt im Labor arbeiten, heute wird die von Ihnen mitentwickelte Crispr-Technik weltweit gefeiert und diskutiert. Sie reisen unentwegt herum und sprechen über mögliche Folgen Ihrer Erfindung. Liegt Ihnen diese Rolle?

Nun ja, ich hätte mir definitiv nie träumen lassen, dass mein Leben einmal diesen Lauf nehmen würde. Ich mochte meine Arbeit im Labor und die Zeit, als ich an Vorträgen nur zu Kollegen über meine Grundlagenforschung sprechen musste. Heute rede ich in etwa der Hälfte aller Fälle zu einem breiten, nichtwissenschaftlichen Publikum – über Themen wie genetisch veränderte Embryonen. Das ist faszinierend, aber ich fühle mich schon nicht immer ganz wohl in meiner Haut. Über Dinge zu sprechen, die viel mit Spekulation zu tun haben, ist für die meisten Wissenschafter gewöhnungsbedürftig.

Trotzdem tun Sie es.

Ich bin nun mal eine der Forscherinnen, die von Beginn an in die Entwicklung der Crispr-Technik involviert waren. Aus verschiedensten Gründen wollen andere Beteiligte sich der Herausforderung nicht stellen, an die Öffentlichkeit zu treten. Dann muss ich es eben tun. Das liegt in meiner Verantwortung.

Die Crispr-Technik stösst in Forschung und Industrie weltweit auf enormes Interesse. Warum eigentlich?

Crispr ist ein Werkzeug, mit dem man die Erbsubstanz DNA sehr präzise verändern kann. Vereinfacht gesagt ist die DNA so etwas wie das Drehbuch eines Films. Die Zellen des Organismus lesen an der DNA ab, was sie zu tun haben, und spielen ihre Rolle dann entsprechend – das ganze Leben lang. Stellen Sie sich nun vor, Sie könnten dieses Drehbuch verändern. Sie könnten etwa einen einzelnen Buchstaben, ein einzelnes Wort umschreiben oder auch einen ganzen Abschnitt im Text verschieben. Genau das kann Crispr. Das Werkzeug lässt uns Stücke aus der DNA herausschneiden und neue Stücke einsetzen. Wir können damit den Code des Lebens verändern und in die Evolution eingreifen – bei Menschen, Tieren und Pflanzen.

Mit früheren Gentechnikmethoden konnte man Organismen auch schon gentechnisch verändern. Was ist mit Crispr anders?

Die Technik ist sehr präzise und ausserdem deutlich einfacher anzuwenden. Früher brauchte man für DNA-Veränderungen viel Spezialwissen, heute kann jeder halbwegs erfahrene Forscher in seinem Labor Crispr benutzen. Es ist eine demokratisierende Technik. Darum verbreitet sie sich auch so rasch.

Als Sie Crispr entdeckten, wussten Sie da gleich: Das ist der wichtigste Moment meiner Karriere?

Ja, das wusste ich. Ich arbeitete damals mit Martin Jinek, der nun an der Universität Zürich angestellt ist. Wir interessierten uns für ein eigentlich sehr obskures Thema, nämlich das Immunsystem von Bakterien. Um Viren zu bekämpfen, benutzen Bakterien den Crispr-Mechanismus. Als wir realisierten, wie man diesen Mechanismus vereinfachen und beliebig programmieren kann, schauten Martin und ich uns an und sagten: «Heiliger Strohsack, das wird krass!» Denn uns war gleich klar, dass man damit sehr leicht alle möglichen Organismen würde verändern können.

Wie hat sich das angefühlt, dieser Heureka-Moment, von dem alle Wissenschafter träumen?

Es war wahnsinnig aufregend! Als ich am selben Abend Nudeln kochte für meinen damals sechsjährigen Sohn, brach ich plötzlich in schallendes Lachen aus. Es erschien mir einfach unglaublich, dass die Natur in Bakterien ein so simples Ding hervorgebracht hatte und wir dieses Ding nun einfach nehmen und für unsere Zwecke umbauen konnten. Mein Sohn fragte natürlich: «Warum lachst du so, Mom?» Ich versuchte, es ihm zu erklären, mit Analogien und Zeichnungen. Mein Sohn hat mir sehr geholfen, die Crispr-Technik selbst besser zu verstehen.

Crispr ist ein mächtiges Werkzeug. Können Sie ein Beispiel dafür nennen, was man damit machen kann?

Dank Crispr könnte es in den nächsten paar Jahren zum Beispiel eine Heilung geben für die Sichelzellenanämie. Das ist eine schlimme Krankheit, die auf einer Veränderung in einem einzigen Gen beruht. Bisher gibt es für betroffene Patienten nur eine palliative Behandlung. Nun ist eine Heilung in Reichweite, ebenso wie für andere Krankheiten mit einfachen genetischen Ursachen. In der Landwirtschaft wiederum fügen wir mit Crispr heute schon Eigenschaften in Pflanzen ein, zum Beispiel eine bessere Resistenz gegen Pilze. Aber natürlich hat Crispr, wie jede Technik, auch eine Schattenseite. Man könnte sie auf schädliche oder unmoralische Weise nutzen, zum Beispiel um Menschen genetisch anfällig zu machen für ein bestimmtes Virus. Das wäre wirklich schlimm. Deshalb müssen wir den Einsatz von Crispr in jedem Fall sorgfältig abwägen.

Diese Gefahren von Crispr waren Ihnen schon früh bewusst, oder? Sie hatten sogar Albträume deshalb?

Ja, das stimmt. Ich träume oft, wenn mein Leben besonders intensiv oder stressig ist. So war es auch zu Beginn der Crispr-Entwicklung. Die Wissenschaft machte damals rasende Fortschritte. Die ersten probierten die Technik schon bei Affen aus, doch die Menschen in meinem «normalen» Leben – meine Freunde und meine Nachbarn – hatten keine Ahnung davon. Das machte mir grosse Sorgen. Ich dachte: Keiner weiss, was da abgeht, nicht einmal die Regierung. Da träumte ich eines Nachts, ich betrete einen Raum, in dem eine Person auf einem Stuhl sitzt, den Rücken zu mir gewandt. Ich kann die Person nur als Silhouette sehen. Eine Stimme sagt: Hier ist jemand, der mehr über Crispr wissen will. Nun dreht sich die Person im Stuhl um, und ich kann sehen, dass sie eine Schweineschnauze hat wie ein Mischwesen. Über ihrem Maul sitzt ein kleiner Schnauzbart. Die Person schaut mich mit starrem Blick an, und ich erkenne: Hitler. Es war grauenhaft! Ich wachte auf, schwitzend und mit klopfendem Herzen. Da wusste ich, dass ich vor meiner Verantwortung als Crispr-­Mitentdeckerin nicht davonrennen kann. Seither engagiere ich mich in der öffentlichen Debatte.

Besonders umstritten ist die Möglichkeit, Crispr bei menschlichen Embryonen einzusetzen – und zwar so, dass sie später als Erwachsene die genetischen Veränderungen weitervererben. Sie selbst haben sich 2015 für ein weltweites Moratorium solcher «Keimbahn-Veränderungen» eingesetzt. Doch letzten Herbst gab der chinesische Forscher Jiankui He bekannt, es seien zwei Babies zur Welt gekommen, die als Embryonen mit Crispr verändert wurden. Er habe die Kinder mit einer Immunität gegen das HI-Virus ausgestattet. Wussten Sie von seinem Plan?

Nein, ich hörte erst kurz vor der Bekanntmachung davon. Er schrieb mir eine E-Mail mit dem knappen Betreff: «Babies born». Darin bat er um ein privates Treffen. Ich wollte für eine bevorstehende Forscherkonferenz ohnehin nach Hongkong fliegen. So habe ich meinen Flug kurzerhand umgebucht und bin noch in derselben Nacht aufgebrochen.

Was ging Ihnen durch den Kopf auf diesem Flug? Waren Sie wütend oder überrascht?

Es war eine Mischung aus Angst und abgrundtiefer Enttäuschung. Ich war so unglücklich, dass die Technik nun auf diese Weise genutzt wurde. Gleichzeitig hatte ich keine Ahnung, was Jiankui He überhaupt genau gemacht hatte. Ich wusste nur, was er behauptete: dass er zwei Kinder mit HIV-Immunität erschaffen habe.

Liessen Sie ihn im Gespräch Ihre Enttäuschung spüren?

Nein, ich wollte nicht, dass er sich verschliesst. Ich brauchte mehr Informationen und verhielt mich deshalb eher wie eine Ermittlerin. Wer hatte ihm bei der Arbeit geholfen? Hatte er seine Arbeit zur Publikation eingereicht? Hatte er die Eltern der beiden Babies aufgeklärt? Hatte er ihr Einverständnis für den Eingriff? Wie werden die Kinder nun gesundheitlich überwacht? Solche Dinge habe ich gefragt.

Wissen Sie, ob die beiden Babies überhaupt existieren?

Ich weiss dazu auch nur das, was ich in den Medien lese. Niemand hat die Kinder bisher gesehen, das ist aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verständlich. Offensichtlich hat die chinesische Regierung die Sache aber untersucht und bestätigt, dass die beiden Kinder tatsächlich geboren wurden – mit den behaupteten genetischen Veränderungen.

Mittlerweile hat die Universität in Shenzhen Jiankui He entlassen, und er ist abgetaucht. Wissen Sie, was ihn zu seinem Experiment angetrieben hat?

Ruhm, ganz eindeutig. Er war vorher ja überhaupt nicht bekannt, hatte kaum publiziert auf dem Gebiet. Doch er ist anscheinend sehr intelligent. Vermutlich ist er dem Grössenwahn verfallen. Er wollte wohl etwas so Weltbewegendes tun, dass er sich damit in die Höhen der Gesellschaft katapultieren würde. Und das hat er ja irgendwie geschafft, wenn auch vielleicht nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Er wollte Geschichte schreiben, und das hat er getan.

Aus seiner Sicht hat er vielleicht sogar moralisch gehandelt, denn er ermöglichte einem Elternpaar, ohne Angst Kinder zu bekommen.

Ja, so sieht er das wohl. Das Gegenargument ist aber, dass es schon lange eine Behandlung gibt, die Menschen mit HIV hilft, gesunde Kinder zu bekommen. Auch wenn es ein teures Prozedere ist. Es gab also keinen medizinischen Grund.

Was ist nun die richtige Antwort auf die Crispr-Babies?

Das frage ich mich selbst jeden Tag. Was sollen wir nun tun? Die einen fordern strenge Regeln. Nach dem Motto: Wenn jemand so etwas macht, kommt er ins Gefängnis. Die anderen wollen überhaupt keine Regulierung. Sie meinen, Ethiker und Gesetzgeber sollten sich raushalten und die Forscher einfach ihr Ding machen lassen.

Und was meinen Sie?

Ich bin nicht mehr für ein Moratorium von Keimbahn-Veränderungen wie einige meiner Kollegen. Ich denke, dafür ist es zu spät. Wir haben uns 2015 für ein solches Moratorium engagiert, und was hat es genützt? Wir haben nun offenbar Crispr-Babies – es hat also nicht funktioniert. Die Forschung bewegt sich ohnehin fort. Ausserdem stiehlt man sich mit einem Moratorium aus der Diskussion. Das will ich nicht.

Sie lehnen Crispr-Experimente an menschlichen Embryonen also nicht mehr grundsätzlich ab?

Nicht in jedem Fall. Aber mir persönlich ist die Vorstellung nicht geheuer, eine grosse Zahl von Embryonen extra für Forschungszwecke zu kreieren. Für manche sind Embryonen nur Zellhaufen, für mich sind sie etwas beinahe Heiliges. Ich bin zwar nicht religiös, aber jeder Embryo könnte eine Person sein. Mein Sohn, ich selbst, wir alle haben als Embryo begonnen. Deshalb will ich nicht, dass im grossen Stil an menschlichen Embryonen experimentiert wird. Es würde das menschliche Leben herabsetzen.

Wie wollen Sie das denn verhindern, ohne Moratorium?

Ich würde von Anforderungen oder Kriterien sprechen, die jeder Forscher respektieren muss. Diese Kriterien sollten wir in internationalen Diskussionen zwischen Forschern festlegen, zum Beispiel in der Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wie ein Zuwiderhandeln bestraft wird, muss dann jedes Land für sich entscheiden. Man könnte dem Forscher das öffentliche Geld entziehen, man könnte sein Labor schliessen, ihm keine Preise verleihen oder ihn nicht mehr in respektablen Fachzeitschriften publizieren lassen. Die allermeisten Forscher wollen von ihren Kollegen geachtet werden. Das wäre also schon abschreckend. Aber ob das reicht? Ich weiss es nicht. Es ist eine schwierige Frage.

Dauert es nicht wahnsinnig lange, bis in einer internationalen Diskussion solche Kriterien aufgestellt sind?

Das ist die Schlüsselfrage, völlig richtig. Und ja, solche Dinge dauern meistens Monate, wenn nicht Jahre. Ich war schon öfter Mitglied solcher Expertengruppen und weiss, wie kompliziert das ist. Natürlich wartet die Forschung nicht auf uns, vor allem nicht in der Privatwirtschaft. Seit der Ankündigung aus China haben mich bereits mehrere Personen kontaktiert, die sich sehr für Crispr beim Menschen interessieren. Das kommerzielle Interesse ist da, zum Beispiel bei Firmen, die Eizellen einfrieren oder Fruchtbarkeitsbehandlungen anbieten. Die wollen bereit sein, wenn der grosse Crispr-Boom kommt.

Was wäre, wenn die Veränderung von Embryonen mit Crispr in Zukunft ganz normal würde? Würden Eltern sich dann ihre Wunschkinder designen lassen?

Wenn ich versuche, mir dieses Szenario vorzustellen, sehe ich Analogien zur In-vitro-Fertilisation. Ich bin alt genug, um mich zu erinnern, wie meine Eltern am Esstisch über die ersten «Retortenbabies» gesprochen haben. Ein Kind aus der Petrischale?! Das klang damals sehr seltsam, fast abstossend. Dann wurde 1978 in England Louise Brown geboren, und sie war ganz normal. Heute ist die In-vitro-Fertilisation breit akzeptiert, doch die allermeisten Kinder werden noch immer auf herkömmliche Weise gezeugt. So ähnlich könnte das auch bei Crispr ablaufen: beginnend mit dem Bedürfnis weniger Eltern, die bei ihrem Kind eine schlimme Krankheit verhindern möchten.

An welche Krankheiten denken Sie da?

An alle, die wir wirklich verstehen und die genetisch nicht zu kompliziert sind. Es gibt zum Beispiel ein Gen, das Menschen anfällig für Alzheimer macht. Wenn man das ausschalten könnte, damit zukünftige Generationen nicht mehr darunter leiden, wäre das ein grosser Fortschritt – auch wenn man damit nur eine ganz bestimmte Form von Alzheimer vermeiden könnte. Ein anderes Beispiel ist ein Gen, das Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. Auch das könnte vielleicht mit Crispr beseitigt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass Eltern von dieser Technik Gebrauch machen würden. Zuerst muss das Verfahren aber sehr sicher sein – auch beim Menschen. So weit sind wir noch nicht. Darum sollte man mit Experimenten an Embryonen nicht einfach vorpreschen.

Um zu wissen, was man als Eltern nicht weitervererben will, muss man sein eigenes Genom kennen. Haben Sie selbst schon einmal Ihre DNA analysieren lassen?

Nein.

Werden Sie es noch tun?

Ich bin noch unentschieden. Ich kenne viele, die das schon gemacht haben. Oft bekommen sie tatsächlich interessante Informationen, zum Beispiel über ihre Familiengeschichte. Das wäre bestimmt auch für mich ganz lustig. Warum tu ich es trotzdem nicht? Weil ich mich frage: Was soll ich mit der Information über mein Genom anfangen? Meine Mutter ist letztes Jahr an Alzheimer gestorben. Es war schrecklich zu erleben, wie sich ihr Zustand immer nur verschlimmerte. Was würde es mir nützen, wenn ich wüsste, das wird auch mein Schicksal sein? Anders wäre es natürlich, wenn ich mein Schicksal ändern könnte – wenn es eine Heilung für Alzheimer gäbe, zum Beispiel.

Sie sind eine der berühmtesten Genforscherinnen der Welt. Was haben Sie selbst von Ihren Eltern geerbt?

Meine Mutter war eine sehr abenteuerlustige Person. Sie kam nicht aus einer reichen Familie, und doch reiste sie direkt nach dem College nach Griechenland, um dort Englisch zu unterrichten. Sie liebte es, auf der Welt herumzukommen, ihr ganzes Leben lang.

Das erkennen Sie an sich selbst wieder?

Ja, ich habe auch einen abenteuerlustigen Geist. Ich bin bei der Forschung immer gerne Risiken eingegangen. Wenn jemand sagt, das gehe nicht, oder wenn jemand eine verrückte Idee hat, bin ich sofort dabei. Mein Vater hingegen reiste nicht gern. Lieber reiste er von seinem Schreibtisch aus, in Gedanken. Er war Literaturprofessor und las einfach alles – auch Wissenschaftsbücher. Die schob er nach der Lektüre dann jeweils zu mir weiter. Als ich schliesslich selbst zu forschen begann, fragte er oft: «So, was passiert im Labor?» Normalerweise ergab sich daraus eine dreistündige Diskussion. Es war phantastisch! Ausserdem habe ich von meinem Vater wohl das gesellschaftliche Engagement. Er wollte immer wissen, welche Folgen Technologien haben und wie sie die Gesellschaft verändern. Er hat mir auch mitgegeben, dass wir über unsere Stellung auf der Welt nachdenken müssen – dass wir nicht nur Individuen sind, die einfach ein tolles Leben haben wollen.

Es sind Werte und Wesenszüge, von denen Sie sprechen – nicht eindeutig genetische Merkmale. Was haben Sie von Ihren Eltern in den Genen?

Das weiss ich nicht wirklich. Aber meine Familie und mein Freundeskreis sagen: Ich sehe aus wie meine Mutter.

Mögen Sie diesen Vergleich?

Na ja, ehrlich gesagt: nicht unbedingt. Es gab viele Dinge, die ich an meiner Mutter mochte. Aber natürlich auch Dinge, die ich überhaupt nicht mochte. Wenn Menschen mir sagen, ich sehe aus wie sie, dann denke ich schon: Hoffentlich habe ich die schlechten Seiten nicht auch geerbt.

Sie sind selbst Mutter. Hat diese Erfahrung Ihre Sicht auf die Genetik verändert?

Ja, sicher. Ein Kind zu haben ist zwar kein wissenschaftliches Experiment. Ausserdem habe ich nur ein Kind und damit keinen Vergleich. Aber die Erfahrung hat mich schon beeindruckt. Mein Sohn hat sich zum Beispiel von klein auf extrem für Maschinen interessiert. Das hat er sicher weder von meinem Mann noch von mir. Als er zu sprechen begann, war sein erstes Wort «Mama», sein zweites «Dada», sein drittes «Vacuum» (Staubsauger). Ich hatte so einen kleinen Handstaubsauger, den fand er wahnsinnig spannend. Alle Maschinen interessierten ihn, alles, was mechanisch war. Einmal waren wir in einem grossen Aquarium, da schaute er sich die Fische gar nicht an, die liessen ihn völlig kalt. Stattdessen kroch er hinter die Glasboxen, um die Pumpen und Kabel zu begutachten. Bei seiner Zeugung wurde die DNA von meinem Mann und mir anscheinend irgendwie verrückt aufgeteilt, geschüttelt und gerührt – und das ist dabei herausgekommen.

Ein genetischer Cocktail, der Ihren Sohn ausmacht. Herrscht Natur über Kultur?

Nein, herrschen ist nicht das richtige Wort. Wir haben alle eine genetische Grundausstattung, die so etwas ist wie der Lehm, an dem das Leben dann herumknetet. Unsere Lebenserfahrung, unsere Eltern und Freunde, unsere Kultur und unser Land – all das modelliert uns. Mein Sohn ist eine faszinierende Mixtur aus den Genen von meinem Mann und mir. Aber er ist vor allem sein eigener Mensch – und er steckt voller Überraschungen. Besonders faszinierend finde ich, dass er in vielem meinem Vater gleicht. Ich wünschte, mein Vater hätte meinen Sohn kennengelernt. Mein Sohn liebt klassische Musik, dieselben Komponisten wie mein Vater: Mozart, Mendelssohn, Schostakowitsch. Er spielt Klavier und Bratsche wie mein Vater. Er liebt Selleriestangen mit Erdnussbutter und gesalzene Radieschen wie mein Vater. Mein Sohn hat das alles selbst herausgefunden, ich habe es ihm nicht beigebracht. Das ist doch seltsam, oder?

Würden solche Überraschungen verschwinden, wenn wir mit Crispr in die Gene unserer Kinder eingreifen würden?

Ja, das könnte sein. Nehmen wir an, wir würden bei unserem Kind ein bestimmtes Krankheitsgen ausschalten. Dann würden wir ungewollt vielleicht auch die Liebe zu erdnussgefüllten Selleriestangen aus der DNA tilgen. Die DNA ist hochkomplex, und wir kennen viele Zusammenhänge noch nicht. Man wüsste also nicht, was sich mit einem Eingriff genau verändert. Aber man würde sich immer fragen: Habe ich das bewirkt, oder ist das Zufall? Diese Verantwortung wiegt schwer.

Was würden Sie Ihrem Sohn gerne weitergeben? Und was hoffen Sie, nicht an ihn vererbt zu haben?

Meine Neugier hat er schon. Zusätzlich wünsche ich mir, dass er versteht: Im Leben muss man hart arbeiten für Dinge, an die man wirklich glaubt, für die man brennt. Das ist der Schlüssel zu einem befriedigenden, glücklichen Leben. Ausserdem wünsche ich mir, dass er ein freundlicher Mensch wird. Ich war nicht immer freundlich, besonders zu meiner Mutter nicht. Als sie krank war, habe ich eine Weile für sie gesorgt. Es war sehr schwer, immer lieb und verständnisvoll zu sein. Manchmal sagte mein Sohn: Du bist nicht nett zu Grandma! Und er hatte recht. Das hat wehgetan, aber er hatte recht. Also wünsche ich mir, dass er ein freundlicherer Mensch wird als ich.

Werden Sie wegen Ihrer Crispr-Entdeckung eigentlich angefeindet?

Gelegentlich bekomme ich Briefe, aber nicht viele. Ich hoffe, die Menschen sehen, dass ich selbst auch beunruhigt bin und mich engagiere. Ich möchte die öffentliche Debatte fördern. Geheimniskrämerei ist nicht gut, das hat sich auch bei den Crispr-Babies gezeigt. Jiankui He hat im geheimen gearbeitet, und die meisten Kollegen haben erst spät mitbekommen, was er da macht. Wir brauchen transparente Diskussionen, in und mit der Öffentlichkeit. Alle sollten verstehen, dass in der Biologie gerade etwas extrem Interessantes passiert, das uns alle betreffen wird. Alle sollen mitreden dürfen, wie es nun weitergeht.

Blicken wir noch in die Zukunft, sagen wir, ins Jahr 2050. Was denken Sie, wie die Crispr-Geschichte bis dahin im schlimmsten Fall weitergegangen sein wird?

Das Schlimmste wäre, wenn Forscher einfach weiter in die «Crispr-Unterwelt» vordringen würden, mit unethischen Studien an menschlichen Embryonen. Oder wenn jemand Crispr verwenden würde, um anderen zu schaden. Das wäre schrecklich! Täte ich jetzt nichts für die Diskussion, würde ich mich dann schuldig fühlen. Aber diese Möglichkeit schliesse ich mit meinem Engagement nun ja schon aus, oder? Hoffe ich jedenfalls. Ja, das hoffe ich.

Und wie sieht die beste Version der Geschichte aus?

Stellen Sie sich vor, dass wir in dreissig Jahren Krankheiten wie Muskeldystrophie, cystische Fibrose, Parkinson oder Sichelzellenanämie heilen können. Das würde vielen Familien enorm helfen und wäre wirklich phantastisch! Ich glaube allerdings, dass Crispr in näherer Zukunft vor allem in der Landwirtschaft grosse Wirkung zeigen wird. Die Technik wird uns helfen, Pflanzen zu kreieren, die besser mit dem Klimawandel klarkommen und weniger Pestizide brauchen. Das wäre ebenfalls sehr positiv. Hätte ich noch ein zweites Leben, würde ich Pflanzengenetikerin werden.

Zur Person

Jennifer Doudna, 55, ist eine amerikanische Biologin an der University of California, Berkeley. Gemeinsam mit der Französin Emmanuelle Charpentier hat sie die Crispr-Methode erfunden, mit der sich erstmals Gene einfach und zuverlässig verändern lassen. Das Verfahren gilt bereits heute als grösste Entdeckung in der Biologie dieses Jahrhunderts. Ihr Buch «Eingriff in die Evolution» ist 2018 bei Springer erschienen.

Zum Interview

Hanna Wick ist freie Wissenschaftsjournalistin; sie lebt in Zürich.
hannawick.ch

Dieses Interview stammt aus der Mai 2019 Ausgabe des NZZ Folios, welche sich mit dem Thema Vererbung befasst (Link zur Ausgabe). Wir bedanken uns herzlich für die Erlaubnis das Interview auf der Kosmos RNA Seite zu publizieren.

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